Luxenburger Wort, 22 October, 1997

Wo die Keltern Austern schlurfen (Where the Celts sip Oysters)

In der Stadt Galway im herben Westen Irlands spricht man noch galisch und lebt mit und aus dem Meer.

Rothaarig, ein paar Sommersprossen, ein kantiger Schadel - Willy Morane, Pub-Wirt in der Einschict des westirischen Fischerdorfes Kilcolgan, is ein waschechter Ire. Sein Pub, das "Oyster Cottage", kennen und schatzen aber nicht nur die Fischer aus der Umgebung, sondern Feinspitze in der ganzen Welt. An einem Streifen Kuste, seit alters her im Familien-besitz der Moranes, zuchtet Willy namlich Austern. Zum Eigenbedarf des "Oyster Cottage" werden dort taglich mehr als tausend der kostlichen Muscheln geerntet, ganz wie zu Grossvaters Zeiten mit der stumpfen Mistgabel und mit Weidenkorben.

Willy lasst eine - erst vor ein paar Stunden aus der Brandung gefischte - Kostprobe aus der Kuche kommen: Schalen mittlerer Grosse (der Durchmesser muss mindestens neun Zentimeter betragen, werden wir aufgeklart) mit dicken Muschelleibern, kraftiger Geschmack. Dazu gibt es schwarzbraunes Guinness-Bier, dessen hervorragende Eigenschaften beim Hinunterspulen der Meeresrohkost Willy Morane, das Glas in seiner Hand liebvoll betrachtend, in kehligem Englisch lobt. Tat unterstreicht das Hopfenaroma den leicht bittern Austerngeschmack sehr angenehm. "Slainte!" - so prostet man sich hier auf galisch zu.

Das traditionsreiche "Oyster Cottage" ist seit sechs Generationen Moranescher Familienbetrieb, Willy hat von Kindesbeinen an mit Austern, Krabben, Lachsen und Hummern hantiert. Da bekommt man Ubung: Unser Gastgeber halt den Geschwindigkeitsrekord beim Austernoffnen. "Dreissig Austern in einer Minute und 31 Sekunden - inklusive Anrichten", berichtet er ganz beilaufig, als ob es das Selbstverstandlichste auf der Welt ware. Mit dieser Zeit hat er vor einigen Jahren die Weltmeisterschaft der Austernkoche in der nahegelegenen Stadt Galway gewonnen, gegen die starke einheimische und franzosische Konkurrenz.

Galway ist mit 40,000 Einwohnern die drittgrosste Stadt der Republik Irland und eine knappe halbe Fahrstunde von Kilcolgan entfernt. Im Meer vor der Stadt liegen die machtigsten Austernbanke der Welt, und auf den Brucken uber den Fluss Corrib kann man zur Laichzeit auch silbrige Lachse auf ihrer Wanderung beobachten.

Jedes Jahr wenn die neue Muschelsaison begonnen hat, am letzten Septemberwochenende, feiert Galway sein traditionelles Austernfestival, bei dem der Weltmeister im schnellen und kunstgerechten Offnen und Anrichten der Austern ermittelt wird. Das kurze, scharfe Messer angesetzt, die Sehnen durchschnitten, das Muschelfleisch gelockert, kleine Schalenbruchstucke entfernt, eine Zitronenspalte dazu - fertig! Die Weltmeisterschaft im Austernschlurfen halten die Galwayer wohl auch, und das kollektiv: Wahrend des Festival-Wochenendes nehem etwa 50,000 Exemplare des edlen Weichtieres ihren Weg in die irischen Magen.

Neben diesen paradiesischen Zustanden fur Austernliebhaber machen zahlreiche Fischrestaurants (z.B. das McDonagh's gleich neben dem Festzelt) wo man vom simplen Backfisch uber Rochen, Jakobsmuscheln, Krabbenscheren und Schwertfisch bis zum (preiswerten) Hummer alles bekommt, was die artenreichen Fischgrunde an der industrie- und daher abwasse-freien irischen Westkuste zu bieten haben, den kulinarischen Reiz einer Stadt aus, die obendrein zu den kulturell interessantesten Platzen von Irland zahlt.

Gegrundet wurde Galway vor 700 jahren als Kolonie der Normannen, die hier vom Handel - bis in den Mittelmeerraum - recht komfortabel lebten. Den einheimischen Kelten verboten sie den Zutritt in die von machtigen Mauern umgurtete Stadt. Eine der einflussreichsten Normannenfamilien von damals ist durch ein grausiges Ereignis sprichwortlich geworden, die Sippe der Lynch, in deren einstigem Stadtpalais heute eine Bank untergebracht ist.

Hier soll im Jahre 1493 Burgermeister James Lynch seinen Sohn Walter, der einen spanischen Gastfreund umgebracht hatte, eigenhandig erhangt haben, weil der Henker den Dienst verweigerte. Seither spricht man auf der ganzen Welt vor "Lynchjustiz".

En Denkmal erinnert an den beruhmtesten Gast Galways, den sein (See-)Weg 1482 in den normannischen Hafen gefuhrt hatte: Christoph Kolumbus, eine Dekade vor seiner Amerika-Fahrt als Handelsreisender an den Gestaden der britischen Inseln unterwegs. Das Haus steht noch, in hem Kolumbus damals abstieg, unweit der Spanish Arch, einem der wenigen erhalten gebliebenen Prunkbogen der Stadtmauer.

Wahrend der englischen Revolution machte Cromwell der normannischen Vormachtstellung ein Ende und liess die Mauern einreissen. Seither hat das Keltentum, das in dieser Gegend unverfalscht bluht und gedeiht, seine Vurzeln in Galway geschlagen: Im "Druid Theatre" und auf der Buhne des "An Thaibhdhearc" wird auf keltisch ("galisch") gespielt, die Sprache der Vorlesungen an der Universitat ist ebenfalls jenes kehlige alte Idiom, dessen Sprecher von der Volkerwanderung vor eineinhalb Jahrtausenden bis an den Rand Europas verdrangt wurden. In unserem Jahrhundert haben nationalstrolze irische Dichter der keltischen Sprache zu einem neuen Aufschwung verholfen, und nicht zufallig kommen etliche der grossen Schriftstellernamen aus dieser Ecke der Grunen Insel. Der Romancier Padraic O'Connor etwa, wie so viele seiner poetischen Landsleute einem zugellosen Lebensstil und dem Griff zur Flasche zugetan, steht lebensgross als Metallstatue am Hauptplatz dem Eyre Square.

Harald Steiner

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